Pflegehelferkurs ja - aber ist eine Generalistenausbildung wirklich der richtige Weg?

Veröffentlicht am 1. Juni 2026 um 06:00

Als der Kanton Zürich beschlossen hat, dass pflegende Angehörige künftig einen Pflegehelferkurs oder eine gleichwertige Ausbildung absolvieren müssen, war meine erste Reaktion nicht Ablehnung. Im Gegenteil.

Wer pflegt, trägt Verantwortung. Es ist sinnvoll, Grundlagen der Pflege zu kennen und nachweisen zu können. Pflege ist mehr als Fürsorge. Pflege erfordert Wissen, Beobachtungsgabe und die Fähigkeit, Veränderungen zu erkennen und richtig zu handeln. Dass pflegende Angehörige hierfür eine Qualifikation erwerben sollen, kann ich grundsätzlich nachvollziehen.

Was mich jedoch beschäftigt, ist die Frage, ob der Pflegehelferkurs SRK oder eine gleichwertige Ausbildung dafür tatsächlich der richtige Weg ist.

Ich pflege meinen Sohn Amir. Er lebt mit Epidermolysis bullosa, einer seltenen genetischen Erkrankung, die auch als Schmetterlingskrankheit bekannt ist. Sein Pflegealltag unterscheidet sich grundlegend von dem vieler Menschen, die von Pflegehelfern in Alters- und Pflegeheimen betreut werden.

Im Pflegehelferkurs werden wichtige Themen behandelt: Mobilisation, Demenz, Unterstützung bei der Körperpflege, Ernährung, Alterungsprozesse und vieles mehr. Für Menschen, die in der Langzeitpflege arbeiten möchten, sind diese Inhalte wertvoll und notwendig.

Doch wie relevant sind sie für jemanden, der sein eigenes Kind mit einer seltenen Erkrankung pflegt?

Die Herausforderungen unseres Alltags liegen an einem ganz anderen Ort: Wundmanagement, Schmerzbeobachtung, Juckreiz, Hautschutz, Hilfsmittel, Therapien, Arzttermine und die ständige Anpassung an die Entwicklung eines Kindes, dessen Erkrankung nur wenige Menschen wirklich kennen.

Manchmal habe ich den Eindruck, dass das System pflegende Angehörige als eine einzige Gruppe betrachtet. Dabei pflegt eine Mutter eines Kindes mit einer seltenen Erkrankung etwas völlig anderes als ein Ehemann seine demenzkranke Frau oder eine Tochter ihren hochbetagten Vater.

Die Pflege mag denselben Namen tragen, die Anforderungen sind jedoch oft grundverschieden. Deshalb frage ich mich, ob es nicht sinnvoller wäre, stärker auf spezialisierte Schulungen zu setzen. Warum müssen alle dieselbe Generalistenausbildung absolvieren?

Wer ein Kind mit einer seltenen Erkrankung pflegt, benötigt andere Kenntnisse als jemand, der Menschen mit Demenz begleitet. Wer eine Person mit Beatmung versorgt, braucht anderes Wissen als jemand, der Unterstützung bei alltäglichen Verrichtungen leistet.

Vielleicht braucht es einen gemeinsamen Basisteil für alle pflegenden Angehörigen. Aber darüber hinaus sollten auch krankheitsspezifische Kompetenzen anerkannt und gefördert werden.

Auch das Modul "Nähe und Distanz" hat mich nachdenklich gemacht.

Die Inhalte sind für professionelle Pflegekräfte zweifellos wichtig. Gleichzeitig habe ich mich gefragt, wie sehr sich dieses Konzept auf pflegende Angehörige übertragen lässt.

Als Mutter eines schwer kranken Kindes kann ich die Pflege nicht an der Wohnungstür zurücklassen. Ich nehme sie nicht mit nach Hause – sie ist bereits zu Hause.

Die Herausforderung besteht für viele pflegende Angehörige nicht darin, professionelle Distanz zu wahren. Sie besteht vielmehr darin, trotz der ständigen Verantwortung für einen nahestehenden Menschen die eigene Gesundheit, die Partnerschaft, die Geschwisterkinder und die eigene Identität nicht zu verlieren.

Auch hier stellt sich für mich die Frage, ob die Inhalte einer Ausbildung stärker an die Realität pflegender Angehöriger angepasst werden sollten.

Für mich persönlich kommt noch etwas hinzu: Zeit.
Wer ein schwer krankes Kind pflegt, weiss, wie wertvoll jede freie Stunde ist. Diese Stunden sind selten. Sie sind kostbar. Sie fehlen an anderer Stelle – bei den Geschwistern, bei Arztterminen, bei Therapien, bei administrativen Aufgaben, beim Schlaf oder schlicht bei der Möglichkeit, einmal durchzuatmen.

Genau deshalb fällt es mir schwer nachzuvollziehen, weshalb ich einen erheblichen Teil dieser Zeit in eine Generalistenausbildung investieren soll, deren Inhalte zu einem grossen Teil keinen Bezug zu unserer konkreten Pflegesituation haben.

Für manche pflegende Angehörige mag der Pflegehelferkurs eine Chance sein, später im Pflegebereich Fuss zu fassen. Das ist legitim und wertvoll. Für mich persönlich trifft das jedoch nicht zu.

Ich habe grossen Respekt vor den Pflegeberufen. Aber schon heute weiss ich, dass ich nach der Pflege meines Sohnes nicht im Pflegebereich arbeiten möchte. Sollte Amir eines Tages keine Pflege mehr benötigen oder sollte er vor mir gehen, möchte ich in meinen ursprünglichen Beruf zurückkehren.

Ich absolviere den Pflegehelferkurs deshalb nicht, weil ich Pflegehelferin werden möchte.
Ich absolviere ihn, weil die neue Regelung zur Voraussetzung macht, dass die von mir geleistete Pflege weiterhin über die bestehenden Strukturen anerkannt und abgerechnet werden kann.

Ohne diesen Abschluss könnte ich die Pflege meines Sohnes zwar weiterhin übernehmen, die dafür vorgesehenen Leistungen könnten jedoch nicht mehr in derselben Form vergütet werden.

Genau deshalb wünsche ich mir mehr Wahlfreiheit.

Ein gemeinsamer Basisteil für alle pflegenden Angehörigen wäre sinnvoll und wichtig. Darüber hinaus sollte jedoch die Möglichkeit bestehen, krankheitsspezifische oder pflegesituationsbezogene Module zu absolvieren, die sich an der tatsächlichen Versorgung orientieren.

Denn eines dürfen wir nicht vergessen: Viele pflegende Angehörige erwerben ihr Fachwissen nicht in einem Schulzimmer, sondern über Jahre hinweg am Krankenbett, in Therapien, in Gesprächen mit Ärzten und Pflegefachpersonen und durch unzählige Stunden praktischer Erfahrung. Dieses Wissen ersetzt keine Ausbildung. Aber eine Ausbildung sollte auch anerkennen, dass Pflege nicht immer gleich aussieht.

Vielleicht ist die eigentliche Frage deshalb nicht, ob pflegende Angehörige qualifiziert werden sollen, sondern ob wir sie so qualifizieren, dass die Ausbildung zu der Pflege passt, die sie tatsächlich leisten. Denn am Ende geht es nicht um die Anzahl Unterrichtsstunden.

Es geht darum, wie wir die begrenzte Zeit pflegender Angehöriger nutzen und ob wir diese Zeit in Wissen investieren, das den gepflegten Menschen unmittelbar zugutekommt.

Transparenzhinweis: Die Kosten für den Pflegehelferkurs werden in meinem Fall von meinem Arbeitgeber (Familienspitex.ch) übernommen. Für diese Unterstützung bin ich dankbar. Meine Kritik richtet sich daher nicht gegen die Kosten und Finanzierung des Kurses, sondern ausschliesslich gegen die Frage, ob eine Generalistenausbildung für alle pflegenden Angehörigen der sinnvollste Weg ist oder ob stärker auf die jeweilige Pflegesituation abgestimmte Ausbildungsmodelle geprüft werden sollten.

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